Gezielte Wirkstoffabgabe ins Innenohr für eine schonende Hörtherapie

Trotz der großen Zahl Betroffener gibt es derzeit kein zugelassenes Medikament gegen akute oder chronische Hörschäden. Der therapeutische Standard besteht daher in der Anwendung hochdosierter Kortisonpräparate. Bleibt der gewünschte Erfolg aus, folgt häufig eine Injektion ins Mittelohr, wobei jedoch oft nur ein geringer Anteil des Wirkstoffs den Zielort im Innenohr erreicht. Hier setzt das Projekt »CoDeM3D« an: Das Fraunhofer-Institut für Mikrostruktur von Werkstoffen und Systemen IMWS in Halle (Saale) entwickelt gemeinsam mit Partnern ein kleines, bioabbaubares Wirkstoffdepot aus dem 3D-Drucker für die minimalinvasive Therapie von Innenohrerkrankungen.

© Fraunhofer IMWS / KI-generiert mit Microsoft Copilot
Im Projekt will das Fraunhofer IMWS mit Partnern ein kleines, bioabbaubares Wirkstoffdepot aus dem 3D-Drucker für die minimalinvasive Therapie von Innenohrerkrankungen entwickeln (Symbolbild).

Hörverlust stellt ein weltweites Gesundheitsproblem dar. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind weltweit rund 1,57 Milliarden Erwachsene sowie 97,83 Millionen Kinder betroffen. In Deutschland leben etwa 13,4 Millionen Erwachsene und rund 83 000 Kinder mit einer Hörminderung. Besonders stark betroffen ist die ältere Bevölkerung: Mehr als ein Drittel der Menschen über 65 Jahre leidet an eingeschränktem Hörvermögen. Die häufigste Ursache für dauerhafte Hörschäden ist die sogenannte Schallempfindungsschwerhörigkeit. Dabei werden empfindliche Strukturen im Innenohr durch Alterungsprozesse, starken Lärm, bestimmte Medikamente oder genetische Veranlagung geschädigt. Häufig bleibt die genaue Ursache jedoch unklar. Viele Betroffene leiden zusätzlich unter Ohrgeräuschen (Tinnitus) oder Schwindel. Trotz der hohen Zahl an Erkrankten gibt es bislang kein zugelassenes Medikament, das akute oder chronische Hörschäden zuverlässig behandeln kann.

Der aktuelle Behandlungsstandard besteht meist aus hochdosierten Kortisonpräparaten, die in Tablettenform oder per Infusion verabreicht werden. Wenn diese Therapie nicht ausreichend wirkt, wird das Medikament direkt ins Mittelohr injiziert. Von dort soll es durch eine feine Membran, das sogenannte Rundfenster, ins Innenohr gelangen. In der Praxis erreicht jedoch häufig nur eine sehr geringe Wirkstoffmenge den eigentlichen Zielort. Dadurch sind hohe Dosierungen erforderlich, die mit Nebenwirkungen einhergehen können. Zusätzlich können die natürliche Barrierefunktion des Rundfensters oder individuelle anatomische Besonderheiten den Übertritt des Medikaments ins Innenohr erheblich einschränken.

An diesem Punkt setzt das Projekt »CoDeM3D« an. Das Fraunhofer IMWS arbeitet gemeinsam mit der Medizinischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg sowie den Unternehmen Silber Anlagentechnik, NanoFract GmbH und NH DyeAGNOSTICS GmbH an der Entwicklung eines sehr kleinen, biologisch abbaubaren Wirkstoffträgers aus dem 3D-Drucker, der minimalinvasiv eingesetzt werden kann. Ziel ist es, ein Implantat zu entwickeln, das den Wirkstoff kontrolliert und über einen längeren Zeitraum direkt an das Innenohr abgibt. Dadurch könnten die benötigte Wirkstoffmenge deutlich reduziert, systemische Nebenwirkungen minimiert und auch der Einsatz kostenintensiver Medikamente effizienter gestaltet werden.

Die Arbeiten am Fraunhofer IMWS konzentrieren sich auf die materialwissenschaftliche Bewertung des Systems. Dabei geht es insbesondere um die Entwicklung und Untersuchung geeigneter Druckmaterialien, die aus medizinisch zugelassenen oder biologisch abbaubaren Rohstoffen bestehen sollen. Ergänzend wird eine passende Trägermatrix entwickelt, mit der ausgewählte Wirkstoffe in das System eingebracht und gezielt freigesetzt werden können. In anschließenden Prüfungen soll nachgewiesen werden, dass das System sowohl strukturell stabil ist als auch wie vorgesehen funktioniert.

Von besonderer Bedeutung ist, dass sich mit dieser Technologie auch moderne Wirkstoffe wie Gentherapeutika, Proteine oder Antikörper ins Innenohr transportieren lassen könnten. Dies eröffnet neue Möglichkeiten für personalisierte Therapien und könnte langfristig teilweise den Einsatz von Hörprothesen ersetzen. Das System kann im Rahmen einer üblichen Mittelohr-Operation implantiert und gut in bestehende klinische Abläufe integriert werden.

(17. März 2026)