Chemische, biologische, radiologische und nukleare (CBRN-)Gefahrenlagen stellen Einsatzkräfte und das Gesundheitssystem vor besondere Herausforderungen. Im Forschungsprojekt »CBRN-Rescue« arbeitet das Fraunhofer-Institut für Mikrostruktur von Werkstoffen und Systemen IMWS in Halle (Saale) an neuen Schutz- und Rettungskonzepten für Patientinnen und Patienten in solchen Situationen. Ziel ist es, die Sicherheit betroffener Personen zu erhöhen und gleichzeitig die Einsatzkräfte im Bevölkerungsschutz durch praxistaugliche Lösungen zu unterstützen.
Für Szenarien mit CBRN-Gefahren stehen verschiedene Schutzkonzepte und Ausrüstungen zur Verfügung. Bestehende Einsatzkonzepte nehmen jedoch primär den Schutz der Einsatzkräfte in den Blick, wohingegen die spezifischen Anforderungen von Patientinnen und Patienten im Gefahrenbereich bislang nur begrenzt berücksichtigt werden. Aufgrund ihres individuellen Gesundheitszustands und medizinischen Behandlungsbedarfs stellen diese Personengruppen besondere Anforderungen an Schutz-, Rettungs- und Evakuierungsmaßnahmen. Insbesondere bei eingeschränkter Mobilität oder fortlaufendem Behandlungsbedarf sind Lösungen erforderlich, die eine sichere Rettung und medizinische Versorgung auch unter Kontaminationsbedingungen gewährleisten. Vor diesem Hintergrund verfolgt das Forschungsprojekt »CBRN-Rescue« das Ziel, patientenspezifische Schutz- und Rettungsmaßnahmen zu entwickeln und damit den Bevölkerungsschutz in CBRN-Einsatzlagen nachhaltig zu stärken.
Im Mittelpunkt des Projekts steht die Entwicklung eines ganzheitlichen Schutzkonzepts, das sowohl präventive als auch reaktive Maßnahmen umfasst. Dazu gehören innovative Schutzausrüstungen für unterschiedliche Patientengruppen, beispielsweise Schutzanzüge für selbsthilfefähige Personen sowie spezielle Transport-Body-Bags für nicht selbsthilfefähige Patientinnen und Patienten. Ergänzt werden diese Entwicklungen durch praxisorientierte Handlungsempfehlungen für Betroffene und Einsatzkräfte. Das Vorhaben wird gemeinsam mit Partnern aus Feuerwehr, Rettungsdienst, Katastrophenschutz und medizinischer Versorgung umgesetzt, um sicherzustellen, dass die entwickelten Lösungen den realen Anforderungen im Einsatz entsprechen.
Das Fraunhofer IMWS übernimmt eine zentrale Rolle bei der Entwicklung und Bewertung der Schutzsysteme. »In unserem Geschäftsfeld verfügen wir über langjährige Expertise in der Entwicklung, Charakterisierung und Optimierung funktionaler textiler und polymerbasierter Materialien für anspruchsvolle Einsatzbedingungen. Im Rahmen des Projekts untersuchen wir geeignete Werkstoffe und Materialkombinationen hinsichtlich ihrer Schutzwirkung gegenüber chemischen und biologischen Gefahrstoffen sowie ihre mechanischen Eigenschaften, Beständigkeit und Dekontaminierbarkeit«, sagt Annika Thormann, Projektleiterin am Fraunhofer IMWS.
Ein weiterer Schwerpunkt der Arbeiten liegt auf der materialwissenschaftlichen Analyse der entwickelten Schutz- und Transportsysteme. Mithilfe moderner analytischer Methoden werden Struktur-Eigenschafts-Beziehungen systematisch untersucht, um die Leistungsfähigkeit der Materialien zu bewerten und gezielt zu optimieren. Dadurch können die entwickelten Systeme nicht nur hinsichtlich ihrer Schutzfunktion, sondern auch im Hinblick auf Tragekomfort, Robustheit und Praxistauglichkeit weiterentwickelt werden. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse bilden eine wesentliche Grundlage für die Entwicklung innovativer, anwendungsorientierter Lösungen, die den Schutz von verschiedenen Patientengruppen in CBRN-Gefahrenlagen nachhaltig verbessern sollen.
Das Forschungsprojekt wird vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) gefördert und läuft noch bis Januar 2028.
(22. Juli 2026)