Mehr Schwung für chemisches Recycling: Erstmalig diskutieren Wissenschaft, Industrie und NGOs über neue Möglichkeiten

26. Februar 2020

Chemisches Recycling kann ein entscheidender Schlüssel zum Senken der CO2-Emissionen sein. Welche technologischen Möglichkeiten es dafür heute und künftig gibt, welche Recyclingquellen und -routen benötigt werden und wie sich der Beitrag dieses Ansatzes zum Klimaschutz und für eine nachhaltige Chemieindustrie beziffern lässt, diskutierten mehr als 30 Fachleute aus Wirtschaft und Wissenschaft mit Nichtregierungsorganisationen auf Einladung des Netzwerks für Kohlenstoffkreislaufwirtschaft NK2 in Freiberg.

Fachleute aus Wirtschaft, Wissenschaft und Nichtregierungsorganisationen diskutierten in Freiberg über die Möglichkeiten des chemischen Recyclings.

Das im Januar 2019 gegründete Netzwerk wurde vom Fraunhofer-Institut für Mikrostruktur von Werkstoffen und Systemen IMWS in Halle (Saale) und dem Institut für Energieverfahrenstechnik und Chemieingenieurwesen IEC der TU Bergakademie Freiberg initiiert. Chemisches Recycling ist einer der Schwerpunkte des Netzwerks.

Beim chemischen (oder auch rohstofflichen) Recycling können kohlenstoffhaltige Abfälle durch thermochemische Verfahren (Vergasung und Pyrolyse) oder durch ein Lösungsmittel (Solvolyse) wieder in Rohstoffe oder Monomere umgewandelt werden, aus denen sich dann neuwertige Produkte herstellen lassen. Dies ist potenziell auch für problematische Abfälle anwendbar, beispielsweise Shredderfraktionen aus dem Automobilbereich oder Verbundmaterialien wie kohlenstoff- bzw. glasfaserverstärkte Kunststoffe. So müssen nicht werkstofflich recycelbare Abfälle nicht verbrannt oder auf Deponien gelagert werden. Sie werden stattdessen zu sekundären Kohlenstoffquellen, wodurch zugleich der Bedarf an fossilen Rohstoffen wie Erdöl gesenkt wird.

Der NK2-Initiative haben sich mittlerweile zahlreiche namhafte Unternehmen aus den Bereichen Energie, Chemie, Abfallwirtschaft und Anlagenbau angeschlossen, beispielsweise Air Liquide, ARVOS, BASF, COVESTRO, DOMO, Dow, Linde, LyondellBasell, RWE und ROMONTA. Beim Treffen in Freiberg waren erstmals auch Vertreterinnen und Vertreter von Nichtregierungsorganisationen wie dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), der European Climate Foundation (ECF), dem European Environmental Bureau (EEB), dem Naturschutzbund Deutschland (NABU) und Zero Waste Europe (ZWE) eingeladen.

»Wir haben damit sehr viele wichtige Akteure an Bord und wollten die Gelegenheit nutzen, sie für die Möglichkeiten des chemischen Recyclings und die Potenziale der Kohlenstoffkreislaufwirtschaft zu sensibilisieren«, sagt Dr. Roh Pin Lee, Koordinatorin des Netzwerks. »Das Feedback der Teilnehmerinnen und Teilnehmer hat gezeigt, dass das gelungen ist. Nur, wenn man weiß, was technologisch machbar ist, und das Thema sektorübergreifend mit den unterschiedlichen Motivationen der einzelnen Beteiligten betrachtet, lassen sich die Möglichkeiten – und auch die Hindernisse und Grenzen – sachlich diskutieren.«

Zu diesem Zweck wurden auch erstmals Ergebnisse einer Umfrage unter den Netzwerk-Mitgliedern und relevanten NGOs präsentiert, in denen beispielsweise ermittelt wurde, was die Befragten unter »Chemischem Recycling« verstehen. Zudem wurden im Workshop die aktuellen und künftigen technologischen Möglichkeiten vorgestellt, Kriterien für chemisches Recycling diskutiert, Bewertungsmethoden für das Life Cycle Assessment in der Chemieindustrie präsentiert und die relevanten Stoffströme in den Blick genommen. Die Teilnehmenden richteten ihr Augenmerk auch auf die politischen Rahmenbedingungen, beispielsweise neue Recyclingquoten, und lernten bei einer Tour die Labore und Pilotanlagen des Instituts für Energieverfahrenstechnik und Chemieingenieurwesen an der TU Bergakademie Freiberg bzw. der Fraunhofer-Außenstelle für Kohlenstoff-Kreislauf-Technologien in Freiberg kennen.

»Selbst, wenn man nur Kunststoffabfälle betrachtet, gibt es viele verschiedene Vorstellungen davon, wie chemisches Recycling ablaufen und was es leisten kann. Da haben wir mit unserer Umfrage und der anschließenden Diskussion für mehr Klarheit gesorgt. Das ist eine wichtige Voraussetzung, um die Zusammenarbeit zielgerichtet fortsetzen zu können«, lautet das Resümee von Roh Pin Lee.