Kristallisationskontrolle und -steuerung bei Kunststoffbauteilen und -halbzeugen

Kristall Polymer Polarisationsmikroskop
© Fraunhofer IMWS
Polarisationsmikroskopische Aufnahme von sphärolithischen Kristallstrukturen in Polyhydroxybutyrat (PHB) bei 200facher Vergrößerung.

Die Mehrzahl der in technischen Anwendungen eingesetzten Kunststoffe sind teilkristalline Thermoplaste. Das Spektrum der in verschiedenen Anwendungsfeldern eingesetzten Thermoplaste ist sehr breit und umfasst Massenpolymere wie Polyethylen und Polypropylen und verschiedenste höherwertige Polyamide ebenso wie High-Performance-Materialien wie Polyimide.

Die Prozessbedingungen bei der Herstellung von Kunststoffbauteilen oder Halbzeugen beeinflussen den Kristallisationsprozess wesentlich, da dieser stark von Temperatur, Druck und Scherkräften abhängt.  Damit sind die Eigenschaften von Kunststoffbauteilen oder -halbzeugen in hohem Maße von den Prozessbedingungen abhängig. Dies betrifft nicht nur die durch den Kristallisationsgrad beeinflussten mechanischen Eigenschaften, sondern auch die Bauteilgeometrie, da Verzugseffekte bei klassischen Verarbeitungsverfahren wie Spritzguss, Thermoformen oder Extrusion durch unvermeidliche räumliche Inhomogenitäten bezüglich der Kristallisation unvermeidlich sind. Auch bei der additiven Fertigung von Kunststoffbauteilen durch 3D-Druckverfahren spielt die Beherrschung von Inhomogenitäten bezüglich der Kristallisation eine wesentliche Rolle, da bei ungeeigneten Verarbeitungsbedingungen innere Grenzflächen entstehen und kristallisationsbedingte Verzugseffekte ebenfalls auftreten können.

Inline-Methoden zur Messung von Kristallisationsgrad und Kristallisationskinetik

Das Fraunhofer IMWS beschäftigt sich deshalb seit mehr als einem Jahrzehnt intensiv mit Inline-Methoden zur Detektion des Kristallisationsprozesses während des Spritzgießens von Kunststoffbauteilen und -halbzeugen, mit der Entwicklung von Methoden zur Kontrolle der Kristallisation im Verarbeitungsprozess und mit Vorhersagemodellen, die es erlauben, Prozess- und Materialparameter ausgehend von experimentell bestimmbaren Kenngrößen zielgerichtet einzustellen und Kunststoffbauteile hochpräzise, qualitätstreu und nachhaltig herstellen zu können. Der Ansatz beinhaltet die Validierung von Simulationsmodellen und die Bereitstellung hochwertiger Eingangsparameter für die numerische Simulation von Bauteileigenschaften unter Einbeziehung der Kristallisation der thermoplastischen Matrix.

Dafür werden neuartige Sensorik-Ansätze entwickelt und im Verarbeitungsteil des Pilotanlagenzentrums für Polymersynthese und -verarbeitung PAZ umfassend erprobt. Die Ergebnisse ermöglichen detaillierte Aussagen zu Temperaturprofilen (Kühlzeit, Abkühlgeschwindigkeit, Schmelzetemperatur) und zum Kristallisationsgrad. Dies leistet wertvolle Beiträge zur Prozessüberwachung und für belastbare Qualitätskennzahlen beim Spritzgießen.

Einige der am Fraunhofer IMWS und Fraunhofer PAZ realisierten Forschungsprojekte, Publikationen zu ausgewählten Ergebnissen und die verwendeten Messmethoden werden auf dieser Webseite im Detail vorgestellt.

(27.  Januar 2026)

Aktuelle Projektbeispiele zur Polymerkristallisation

Intelligenter Kristallisationssensor im Spritzguss

Ein vom Fraunhofer IMWS mit Partnern entwickelter Sensor verbessert die Inline-Qualitätssicherung im Spritzguss.

Optimierung für 3D-Druck mit teilkristallinen Polymeren

Eine Vergleichsstudie zeigt neue Wege zur additiven Fertigung (FFF) hochwertiger Bauteile aus teilkristallinen Polymeren.

Performance-Plus für Biopolymere im Spritzguss

Erkenntnisse zur Morphologie, Kristallisation und Mikromechanik helfen, die Schlagzähigkeit biobasierter Kunststoffe im Spritzguss zu steigern.

Präzisionspolymere für den Leichtbau

Im SFB »Polymere unter multiplen Zwangsbedingungen« wurde der Einfluss von Scherfeldern und inneren Grenzflächen auf teilkristalline Polymere untersucht.

Kristallisationssteuerung zur Herstellung von Spritzgussteilen

Simulationsmethoden ermöglichen die gezielte Einstellung der Kristallisation während der Herstellung von Spritzgussteilen.

Kürzere Entwicklungszeiten durch Modellierung

Eine verbesserte Simulation des Kristallisationszustands unterstützt die Optimierung von Spritzgussbauteilen.