»Das war eine großartige Aufbruchstimmung« – Gründungsjahre des Fraunhofer IMWS

Als Fraunhofer vor 25 Jahren nach Halle kam und eine Außenstelle des Fraunhofer-Instituts für Werkstoffmechanik IWM Freiburg gründete, war Dieter Katzer einer der Mitbegründer der Forschungseinrichtung für Mikrostruktur von Werkstoffen und Systemen, wie sie sich anfangs nannte. Mit seinem großen wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Erfolg hat sich Fraunhofer am Weinberg Campus fest etabliert. Schließlich wurde aus der Außenstelle ein eigenständiges Institut: das Fraunhofer IMWS. Zum 25. Jubiläum der Erfolgsgeschichte spricht Prof. Dieter Katzer darüber, wie er die Zeit des Umbruchs und Neuanfangs damals erlebte.

Katzer Eroeffnung Ansprache
© Fraunhofer IMWS
Katzer Kran Bau IMWS
© Fraunhofer IMWS
Baubeginn IWM IMWS
© Fraunhofer IMWS

Herr Katzer, wie sind Ihre Verbindungen zur Stadt Halle (Saale)?

Halle hatte zu DDR-Zeiten auch wegen der hier ansässigen Kohlechemie-Industrie und der damit verbundenen Luftverschmutzung keinen guten Ruf. Ich erinnere mich aber an eine sehr schöne Studienzeit in Halle. Ich habe hier Physik studiert und hatte das große Glück, nach meiner Promotion am Akademieinstitut bei Professor Bethge eine Stelle anzutreten. Da fragte man nicht nach, in welcher Stadt das ist. Dadurch, dass es hier schon damals eine große kulturelle Vielfalt gab, Theater, Musik, die Kunsthochschule Burg Giebichenstein, eine Volluni mit interessanten Vorlesungen, empfand ich Halle damals als wunderbaren Platz zum Studieren. Hier habe ich übrigens früh bemerkt, dass es sehr viele Gemeinsamkeiten zwischen Physik und Design gibt – Design verbindet die Werkstoffmechanik auch mit dem technologischen Prozess der Formgebung. Heute im Rückblick stelle ich fest: Offenheit für Inter- und Transdisziplinarität war die Quintessenz meines Arbeitslebens.

 

Seit 25 Jahren ist Fraunhofer in Halle aktiv. Wie kam damals die Idee zustande, einen ersten Schwerpunkt auf Mikrosystemtechnik zu legen?

Zu DDR-Zeiten gab es an der Akademie der Wissenschaften der DDR in Halle das Institut für Festkörperphysik und Elektronenmikroskopie unter der Leitung von Heinz Bethge. Nach der Wende gingen aus diesem Institut das Max-Planck-Institut für Mikrostrukturphysik hervor und eine Außenstelle des Fraunhofer-Instituts für Werkstoffmechanik, das seinen Sitz in Freiburg im Breisgau hatte. Das Akademieinstitut bearbeitete neben seiner Kompetenz der Grundlagenforschungen zu den Struktur-Eigenschaftsbeziehungen auch anwendungsorientierte Themen wie zum Beispiel Fragen zur Lebensdauervorhersage und Zuverlässigkeitsbewertung von Kraftwerkskomponenten oder zur Fehlerdiagnostik bei mikroelektronischen Bauteilen. Wie es eben manchmal im Leben ist, waren die richtigen Leute zur rechten Zeit mit den richtigen Themen am richtigen Ort:

Es kam die Frage auf, wie man die Kompetenz zur Berechnung von Lebensdauer und Zuverlässigkeit von großen Kraftwerkskomponenten mit einem neuen Schwerpunkt zusammenbringen kann, um ein Konzept zu haben, das sich wirtschaftlich trägt. Damals – Ende der 1980er-, Anfang der 1990er-Jahre – kam gerade die Mikrosystemtechnik auf und wir fragten uns, ob man nicht auch Lebensdauervorhersagen auf die Mikroelektronik und Mikrosystemtechnik anwenden kann – ein Thema, dem sich bis 1991 noch keine Forschungseinrichtung widmete.

 

Und wie ging es dann weiter?

Wir haben unsere Themenpalette ständig erweitert – die Struktur-Eigenschaftsbeziehungen wollten wir nun bei unterschiedlichsten Materialien und Werkstoffen untersuchen. Diese Idee stellte uns vor große Herausforderungen: Beherrschung einer neuen fachlichen Vielfalt, um die Mikroprozesse, wie sie im Werkstoff unter Einsatzbedingungen ablaufen, zu verstehen, will man eine Bewertung von Zuverlässigkeit und Lebensdauer von miniaturisierten elektronischen beziehungsweise mechanischen Komponenten und Systemen vornehmen.

Dazu brauchten wir eine exzellente analytische Ausstattung sowie Präparationstechniken, um in den Mikro- und Nanobereich vorzudringen und Aussagen über das atomare und molekulare Geschehen treffen zu können.

Wir bekamen von der Fraunhofer-Gesellschaft die Möglichkeit, eine Außenstelle des Fraunhofer IWM zu werden.

Wir haben ein kompetentes Team zusammengestellt und arbeiteten Konzepte aus. Dabei haben wir alle erdenkliche und uneigennützige Hilfe und Unterstützung der Kollegen aus Freiburg erhalten. Das war eine großartige gemeinsame Aufbruchstimmung!

 

Mit welchen Schwierigkeiten hatten Sie am Anfang zu kämpfen?

Wir hatte ja alle keine Ahnung, wie bezahlbare Forschung zu organisieren ist. Wir wussten nicht, wie es geht, sogenannte Akquisitionskoffer zu füllen, Auftraggeber für uns zu interessieren, an der richtigen Stelle der Wertschöpfungskette zu arbeiten, aktuelle Trends zu erkennen und uns ständig neue Themen mit Alleinstellungsmerkmalen zu suchen, um am Markt erfolgreich zu sein. Wir hatten zu schauen, wo es neue Projektausschreibungen gibt und unsere Aufgabenstellungen dem anzupassen.

Unsere Außenstelle hatte damals gerade einmal 16 Mitarbeiter und die Bereitschaft aller unserer Kollegen, etwas Neues zu lernen und anzuwenden, war einfach großartig.

 

Das Institut hat sich von einer Außenstelle des Fraunhofer IWM bis hin zum gleichberechtigten Standort, dann zum eigenen Institut entwickelt. Wie kam das zustande?

Die wachsende Nachfrage am Markt bestätigte uns in unserer täglichen Arbeit. Erfreulich für uns war, dass sich die anfänglichen Befürchtungen, der Markt würde diese kostenintensive Forschungsarbeit nicht honorieren, nicht bestätigte. Wir hatten kontinuierliches Wachstum über die Jahre, insbesondere konnten wir unseren Diplomanden und Doktoranden Stellen anbieten. Seit unserer Gründung 1992 wuchs das Institut stetig – der personelle Zuwachs ging einher mit Erweiterungsbauten beziehungsweise dem Anmieten neuer Räumlichkeiten auch für neue Ausstattungen, denn wir erweiterten die Themenpalette auf biologische Materialien und Polymere. Als der Platz immer enger wurde, habe ich als Leiter des Institutsteils Halle den Neubau in der Walter-Hülse-Straße initiiert. Fraunhofer sollte in Halle das Tor zum Wissenschaftspark am Weinberg Campus werden, aber die Flächen waren bereits vergeben. Durch ein gutes Zusammenwirken von Land, Stadt und der Fraunhofer-Gesellschaft konnte dann doch 2005 mit dem Neubau am Standort Walter-Hülse Straße begonnen werden. Ende 2006 habe ich die Leitung an Professor Ralf B. Wehrspohn übergeben. Anfang 2007 konnte er den Neubau beziehen und leitet seitdem mit seine Ideen und Kompetenzen das neue Institut.

 

Wie haben Sie damals persönlich den Schritt vom Physiker zum Wissenschaftsmanager empfunden?

Die neue Aufgabe als Wissenschaftsmanager war eigentlich nicht so ganz das, was ich wollte. Ich bin sehr gern Physiker – ich wollte forschen und im Labor meine Untersuchungen weiterführen. Als ich dann stark mit Führungsaufgaben eingebunden war, kam ich oft nach Hause und dachte: »Heute hast Du gar nichts geschafft.« Bis ich realisiert habe, dass es nun meine neue Aufgabe war, zu managen, Geld zu beschaffen, mit Firmen zu kommunizieren, Personalangelegenheiten zu regeln und so weiter. Es wurde für mich zu einer schönen Aufgabe, die ich sehr ernst genommen habe. Ich begann Bücher über Wissenschaftskommunikation und -management zu lesen und empfand insgesamt bei meiner neuen Tätigkeit einen tollen positiven Stress. Ich war motiviert bis unter die Haarwurzel.

 

Wie betrachten Sie heute im Rückblick diese Zeit und welches war Ihr schönster Moment am Institut?

Es war für mich eine glückliche Zeit der Herausforderung, auch weil wir sie bestanden haben. Einer der schönsten Momente für mich war, als sich das Institut die neue Bezeichnung »Fraunhofer Institut für Mikrostruktur von Werkstoffen und Systemen – IMWS« gab und seit Januar 2016 als eigenständiges Fraunhofer-Institut seinen Weg geht.

Wir haben uns in der Forschungsarbeit einen Namen gemacht und eine Kompetenz aufgebaut, die andere Forschungseinrichtungen und viele Kunden aus der Industrie dazu bringt, gemeinsam mit uns an Projekten zu arbeiten und neue Lösungen zu entwickeln. Darauf können die Macher der ersten Stunde stolz sein.

 

Wie sieht heute als Ruheständler Ihr Alltag aus? Können Sie sich vom Institut lösen?

Ich bezeichne mich scherzhaft gerne als Privatier statt als Ruheständler. Ruhestand klingt mir zu endgültig. Ich bin noch als Gutachter für das Bundeswirtschaftsministerium und in der Jury für den Mitteldeutschen IQ-Preis tätig. Mit der Heinz-Bethge-Stiftung haben wir ein Schülerlabor im Halloren- und Salinemuseum Halle eingerichtet. Mich freut es und ist für mich selbstverständlich, etwas für den wissenschaftlichen Nachwuchs zu tun, so gehe ich an die Schulen und werbe für die MINT-Fächer. Dort höre ich oft: »Der Katzer ist nun schon so lange dabei und spricht immer noch begeistert über seine Physik.« Wir haben die Pflicht, junge Menschen an die Themen heranzuführen, von denen nach wie vor ein großer Teil der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit unseres Landes abhängt. Und natürlich bin ich noch gern im Institut. Die Kontakte, die bis heute bestehen, geben mir die innerliche Bestätigung, dass nicht alles falsch war.